Lesedauer: ca. 13 Minuten | Zielgruppe: Hygienebeauftragter Arzt, Hygienebeauftragte MFA, Praxisleitung, Qualitätsmanagement in psychiatrischen Einrichtungen
Inhalt
Einleitung: Ein unterschätztes Hochrisikofeld
Wenn Hygienefachleute über nosokomiale Infektionen und multiresistente Erreger sprechen, denken die meisten zuerst an Intensivstationen, chirurgische Bereiche oder Dialyseeinheiten. Psychiatrische Kliniken und Stationen tauchen in dieser gedanklichen Risikolandschaft selten auf – und genau das ist das Problem.
Dabei sind psychiatrische Einrichtungen aus infektionshygienischer Sicht hochkomplexe Settings: Patienten verbringen Wochen oder Monate in gemeinschaftlich genutzten Räumen, Gruppentherapien, Gemeinschaftsbädern und Speisesälen. Viele Patienten sind krankheitsbedingt nicht in der Lage, Hygienemaßnahmen konsequent umzusetzen. Isolation – das klassische Mittel bei nachgewiesenen MRE oder im Ausbruch – kollidiert direkt mit dem therapeutischen Konzept.
Für Hygienebeauftragte Ärzte, Hygienebeauftragte MFA und Klinikleitungen psychiatrischer Einrichtungen bedeutet das: Es braucht maßgeschneiderte Konzepte. Dieser Artikel gibt Ihnen den fachlichen Hintergrund, zeigt regulatorische Anforderungen auf und nennt konkrete Handlungsempfehlungen – auf Basis der aktuellen Literatur.
Die besondere Infektionsgefahr in psychiatrischen Einrichtungen Strukturelle und patientenbezogene Risikofaktoren
Psychiatrische Stationen unterscheiden sich von somatischen Einheiten in einer Reihe epidemiologisch relevanter Punkte:
- Gemeinschaftliche Raumnutzung: Aufenthaltsräume, Küchen, Badezimmer und Gruppentherapieräume werden von allen Patienten geteilt. Dies schafft ideale Bedingungen für die Übertragung respiratorischer Erreger (Influenza, COVID-19, RSV), gastrointestinaler Keime (Norovirus) und Hautinfektionen (Skabies, Streptokokken Gruppe A).
- Eingeschränkte Compliance: Eine Londoner Beobachtungsstudie zeigte, dass fast 80% der psychiatrischen Patienten Infektionsschutzmaßnahmen nicht oder unzureichend einhielten. Patienten mit Psychosen, Persönlichkeitsstörungen und Substanzgebrauchsstörungen waren am stärksten betroffen. Dieses Befund hat direkte Konsequenzen für jeden Hygieneplan, der in der Psychiatrie umgesetzt werden soll.
- Lange Aufenthaltsdauern: Stationäre Aufenthalte von Wochen oder Monaten erhöhen das Expositionsrisiko und die Wahrscheinlichkeit einer Kolonisation mit resistenten Erregern.
- Somatische Komorbiditäten: Antipsychotika-assoziierte Leukopenien, Diabetes mellitus und Adipositas erhöhen die Infektionssuszeptibilität psychiatrischer Patienten erheblich.
- Bauliche Einschränkungen: Viele Psychiatrien sind in älteren Gebäuden untergebracht, die wenige Einzelzimmer, enge Flure und gemeinsam genutzte Sanitäranlagen aufweisen. Die aktuellste Übersichtsarbeit zum Thema (Boullier & Gibas 2026, n = 63 Studien) identifizierte bauliche Barrieren in 81% der analysierten Settings als Haupthindernis für effektive Infektionsprävention.
Personalbedingte und organisatorische Barrieren
Houben et al. (2022) befragten in einer qualitativen Studie Fachpersonal aus fünf niederländischen psychiatrischen Einrichtungen und identifizierten ein aufschlussreiches Muster:
- Wissenslücken: IPC-Schulungen erreichen in psychiatrischen Einrichtungen oft nur Pflegepersonal, nicht aber Ärzte, Therapeuten und Sozialdienst.
- Niedrige Risikowahrnehmung: „Das ist doch keine Intensivstation” – diese Haltung führt dazu, dass Hygienestandards als weniger relevant empfunden werden.
- Fehlende Feedback-Kultur: Kolleginnen und Kollegen werden bei Hygienefehlern kaum angesprochen.
- Ethischer Konflikt: Das psychotherapeutische Prinzip, Patienten größtmögliche Freiheit zu geben, kollidiert mit restriktiven Hygienemaßnahmen wie Zimmerisolation oder Einschränkung von Gruppenaktivitäten.
Diese Erkenntnisse sind besonders relevant für Hygienebeauftragte in psychiatrischen Einrichtungen, die oft allein die Last der IPC-Implementation tragen.
Ausbruchsmanagement in der Psychiatrie: Regulatorik und Praxis – was das Infektionsschutzgesetz (IfSG) und die KRINKO fordern
Das Infektionsschutzgesetz (IfSG §23) verpflichtet Krankenhäuser – einschließlich psychiatrischer Kliniken – zur Surveillance nosokomialer Infektionen, zur Bestellung eines Krankenhaushygienikers (oder bei kleineren Einheiten eines Hygienebeauftragten Arztes) sowie zur Erstellung und regelmäßigen Aktualisierung hausinterner Hygienepläne.
Die KRINKO-Empfehlungen bilden den wissenschaftlichen Rahmen. Besonders relevant sind:
- „Händehygiene in Einrichtungen des Gesundheitswesens” (KRINKO 2016): Händehygiene ist auch in der Psychiatrie die Maßnahme mit dem höchsten Präventionspotenzial – muss aber patientenadaptiert vermittelt werden.
- „Anforderungen an die Infektionsprävention bei der medizinischen Versorgung von immunsupprimierten Patienten” (KRINKO 2010/2017): Relevant für psychiatrische Patienten unter immunsuppressiver Medikation.
- „Prävention und Kontrolle von MRSA in medizinischen und pflegerischen Einrichtungen” (KRINKO 2014): Basis für das MRSA-Management – auch in der Psychiatrie.
- Empfehlung zur Infektionsprävention in Heimen (2005): Viele der dort genannten Grundsätze sind auf psychiatrische Langzeitstationen übertragbar.
Wichtig: Psychiatrische Einrichtungen fallen unter die jeweiligen Landeshygieneverordnungen (HygVO der Länder), die konkrete Personalvorgaben (Krankenhaushygieniker, Hygienefachpflege, Hygienebeauftragter Arzt auf Station) machen. Die Anforderungen variieren zwischen den Bundesländern – ein häufiger Fallstrick bei Begehungen.
💡 Hinweis: Nach der Live-Veranstaltung finden Sie an dieser Stelle den Videomitschnitt der Expertensprechstunde exklusiv für unsere Teilnehmer.
Ausbruchserkennung: Die kritische Frühphase
Das größte Problem bei Ausbrüchen in psychiatrischen Einrichtungen ist die verzögerte Erkennung. Weil Patienten Symptome oft nicht kommunizieren können oder wollen, werden gastrointestinale oder respiratorische Ausbrüche häufig erst erkannt, wenn bereits mehrere Personen betroffen sind.
Fukuta & Muder (2013) empfehlen in ihrer Referenzübersicht folgendes Vorgehen:
- Routinemäßiges klinisches Monitoring im Rahmen der täglichen Visite: gezielt nach Symptomen fragen und beobachten
- Niedrige Diagnoseschwelle: Abstriche und Kulturen frühzeitig anlegen – auch bei unklaren Infektionszeichen
- Meldekette aktivieren: Hygienefachpflege, Hygienebeauftragter Arzt, Stationsleitung und Klinikleitung frühzeitig einbinden
- Falldefinition festlegen: Klare Kriterien, ab wann ein Ausbruch ausgerufen wird (z. B. ≥ 2 Fälle mit ähnlicher Symptomatik innerhalb von 72 Stunden)
Ausbruchsmanagement: Maßnahmenpakete nach Erreger
Die Maßnahmen müssen erreger- und settingspezifisch gewählt werden:
| Erreger | Besonderheit Psychiatrie | Kernmaßnahmen |
|---|---|---|
| Influenza/COVID-19 | Impfung des Personals besonders wichtig; Patienten können nicht eigenständig Maske tragen | Kohortenbildung, Aufnahmestopp, Händehygiene alle 4 Stunden auch bei Patienten, Personal-Impfpflicht |
| Norovirus | Gemeinschaftsmahlzeiten sind Hauptrisiko; alkoholbasierte HD wirkt nicht | Wasser & Seife, Kohortenbildung, Einstellung Gruppenaktivitäten, Umgebungsdesinfektion mit viruzidem Mittel |
| Skabies | Hoher Körperkontakt in Gruppentherapie; Erkennung oft verzögert | Behandlung aller Kontaktpersonen gleichzeitig, Waschen bei ≥ 60 °C, ggf. Isolierung |
| Streptokokken Gr. A | Schnelle Ausbreitung in Gemeinschaftsräumen | Screening, Antibiose, Personaluntersuchung |
| MRSA | Isolation oft nicht realisierbar; Dekolonisation als Alternative | Dekolonisationsprotokoll (CHX + Mupirocin), Abdeckung offener Wunden, Laboralarmsystem |
Für den Ausbruchsfall sollte jede psychiatrische Einrichtung einen schriftlichen Ausbruchsmanagementplan vorhalten – dieser wird bei Begehungen durch Gesundheitsämter regelmäßig eingefordert.
MRSA und multiresistente Erreger in der Psychiatrie
Prävalenz und Risikoprofil
MRE in der Psychiatrie sind kein Randphänomen. Eine chinesische Studie aus einem psychiatrischen Krankenhaus (Jiang et al. 2025) zeigte trotz niedrigem Antibiotikaverbrauch (5% der Patienten) alarmierende Resistenzraten: MRSA-Rate bei S. aureus von 70,69%, Pseudomonas aeruginosa mit 100% Resistenz gegen Ampicillin und Ceftriaxon, Acinetobacter baumannii mit 59% Multiresistenz. Diese Daten unterstreichen, dass psychiatrische Einrichtungen aktiv in Resistenz-Surveillance und Antibiotic Stewardship einbezogen werden müssen.
Risikofaktoren für MRSA-Kolonisation in der Psychiatrie umfassen:
- Vorherige Krankenhausaufenthalte in somatischen Abteilungen
- Chronische Hauterkrankungen (häufig bei psychiatrischen Patienten)
- Katheter oder Verweilzugänge (z. B. bei forensischen Patienten)
- Mangelnde Körperhygiene
MRSA-Management ohne Einzelzimmer: der praktische Weg
Die KRINKO-Empfehlung 2014 und die SHEA/IDSA-Guidelines 2023 geben den Rahmen vor – aber beide setzen implizit die Verfügbarkeit von Einzelzimmern voraus. In der Psychiatrie ist das häufig nicht gegeben. Was tun?
Die aktuellen Guidelines empfehlen in dieser Situation:
- Universelle Dekolonisation (Chlorhexidin-Ganzkörperwäsche + nasales Mupirocin für 5 Tage) statt Einzelzimmerisolation – nachgewiesen wirksam durch den REDUCE-MRSA-Trial (37% Reduktion klinischer MRSA-Isolate in der Interventionsgruppe)
- Abdecken offener Wunden und hautbetroffener Areale vor Verlassen des Patientenzimmers
- Händehygiene des Patienten vor Nutzung von Gemeinschaftsräumen
- Laborbasiertes Alarmsystem: Sofortige Benachrichtigung des Hygienebeauftragten Arztes und der Hygienefachpflege bei Neunachweis
- Einschränkung bestimmter Gemeinschaftsaktivitäten (Schwimmbad, Kontaktsport)
Für Hygienebeauftragte in psychiatrischen Einrichtungen ist besonders wichtig: Die Dekolonisationstherapie muss konsequent durch das Personal unterstützt werden, da viele psychiatrische Patienten die Anwendung nicht selbstständig durchführen können oder wollen.
🎓 Möchten Sie Ihr Wissen zu MRSA-Management und Dekolonisationsprotokollen vertiefen? Im Link: Kurs Hygienebeauftragter Arzt und im Link: Kurs Hygienebeauftragte MFA behandeln wir diese Themen praxisnah – mit konkreten Handlungsalgorithmen für verschiedene Einrichtungstypen.
Best Practices und Lösungsansätze
Was funktioniert – Erfolgsfaktoren aus der Literatur
Boullier & Gibas (2026) synthetisierten in ihrer Übersichtsarbeit die wirksamsten Interventionen für IPC in psychiatrischen Settings:
- Interdisziplinäre IPC-Teams: Nicht nur Hygienefachpflege, sondern auch Ärzte, Therapeuten und Sozialdienst müssen einbezogen werden. Hygiene ist Teamaufgabe.
- Angepasste IPC-Richtlinien: Standardhygieneprotokolle müssen psychiatriespezifisch modifiziert werden – z. B. bei Maskennutzung, Isolation und Händehygienefrequenz.
- Gezieltes Personaltraining: Schulungen für alle Berufsgruppen, nicht nur für Pflegekräfte. Besonders Therapeuten und Sozialdienst haben in der Psychiatrie intensiven Patientenkontakt.
- Proaktives Patientenengagement: Williams et al. (2021) zeigten klar: Wenn Personal Patienten aktiv anleitet und motiviert, verbessert sich die Hygienecompliance signifikant. Passiv ausgehängte Hinweisschilder reichen nicht.
- Digitale Surveillance-Systeme: Elektronische Meldesysteme ermöglichen frühzeitiges Ausbruchserkennen und automatische Alertierung des Hygienebeauftragten Arztes.
- Räumliche Flexibilität: Triage-Zonen für Neuaufnahmen, Kohortierungsbereiche und Isolationsräume sollten baulich und konzeptuell vorgedacht sein – auch wenn sie im Normalfall nicht benötigt werden.
🏥 Diese Prinzipien gelten übrigens nicht nur für psychiatrische Kliniken. Auch in Reha- und Pflegeeinrichtungen bestehen ähnliche Herausforderungen: Langzeitaufenthalte, eingeschränkte Patientenkooperation, gemeinschaftliche Infrastruktur.
Häufige Fallstricke bei Begehungen – FAQ für Hygienebeauftragte
Welche Unterlagen muss eine psychiatrische Einrichtung bei einer Begehung vorlegen?
Neben dem allgemeinen Hygieneplan sind psychiatriespezifische Anlagen gefordert: ein schriftliches Ausbruchsmanagementprotokoll, Nachweise über Schulungen aller Berufsgruppen (nicht nur Pflege), ein aktuelles MRSA-/MRE-Konzept sowie Dokumentation der Surveillance nosokomialer Infektionen gemäß §23 IfSG.
Muss ein psychiatrisches Krankenhaus einen Hygienebeauftragten Arzt benennen?
Ja. Gemäß den Landeshygieneverordnungen ist für jeden klinischen Bereich (auch Psychiatrie) ein Hygienebeauftragter Arzt zu benennen. Dieser muss eine spezifische Fortbildung nachweisen. Die Anforderungen variieren je nach Bundesland.
Darf ein MRSA-positiver Patient an Gruppentherapien teilnehmen?
Ja, unter bestimmten Bedingungen: Abdeckung aller offenen Wunden, Händehygiene vor Verlassen des Zimmers, keine Aktivitäten mit intensivem Körperkontakt. Eine schriftliche Risikoabwägung und Dokumentation sind empfehlenswert.
Was ist bei einem Norovirus-Ausbruch der häufigste Fehler?
Die Verwendung alkoholbasierter Händedesinfektionsmittel. Diese wirken nicht gegen unbehüllte Viren wie Norovirus. In einem Ausbruch muss zwingend auf Wasser und Seife umgestellt werden – eine Information, die in Schulungen für Hygienebeauftragte regelmäßig betont werden sollte.
Wie kommuniziere ich Hygienemaßnahmen mit Patienten, die nicht kooperieren können?
Direkte, persönliche Anleitung durch das Pflegepersonal ist signifikant wirksamer als schriftliche Informationen oder Aushänge. Hygienemaßnahmen sollten, wo möglich, in die therapeutische Routine integriert werden (z. B. Händewaschen als Teil der Morgenroutine).
Gibt es spezifische Vorgaben für Skabies in der Psychiatrie?
Die CDC und das RKI empfehlen bei Skabies-Ausbrüchen in institutionellen Settings: simultane Behandlung aller Betroffenen und Kontaktpersonen (einschließlich Personal), Waschen von Kleidung und Bettwäsche bei ≥ 60 °C, und ggf. Aufnahmestopp bis zur Sanierung. In psychiatrischen Settings ist die Compliance-Sicherstellung besonders herausfordernd und muss aktiv geplant werden.
Fazit: Hygiene in der Psychiatrie braucht eigene Konzepte
Psychiatrische Einrichtungen sind keine Sonderform der Krankenversorgung, die von Hygienevorgaben ausgenommen werden dürfte – im Gegenteil: Sie stellen besonders hohe Anforderungen an das IPC-Team. Die aktuellste Literatur zeigt klar, dass generische Hygienepläne und protokollierte Maßnahmen aus der Somatik ohne psychiatriespezifische Anpassung scheitern.
Für Hygienebeauftragte Ärzte, Hygienebeauftragte in der Pflege und Klinikleitungen heißt das: Investition in maßgeschneiderte Schulungen, angepasste Konzepte und interdisziplinäre Teamarbeit – und regelmäßige Auseinandersetzung mit der sich rasch entwickelnden Evidenz zu diesem Thema.
💬 Haben Sie Fragen zu diesem Thema? Melden Sie sich hier zur Expertensprechstunde an: Link zur Landingpage Expertensprechstunde
Dieser Artikel wurde auf Basis der aktuellen wissenschaftlichen Literatur (Stand: Februar 2026) erstellt und richtet sich an medizinisches Fachpersonal.
Quellen (Auswahl):
- Boullier & Gibas (2026): Antimicrob Stewardship Healthc Epidemiol, PMC12854875
- Houben et al. (2022): BMC Infect Dis, PMC8914451
- Williams et al. (2021): BJPsych Open, PMC8280465
- Fukuta & Muder (2013): Infect Control Hosp Epidemiol
- Jiang et al. (2025): Scientific Reports, PMC11811061
- SHEA/IDSA MRSA-Guidelines (2023), PMC10369222